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[Quelle: Antifaschistische Aktion Berlin - Juni 2000]
17. Juni 2000: Antifaschistische Demonstration
Für eine antifaschistische Jugendkultur! Den NPD-Zentralen in Königs Wusterhausen und Köpenick entgegentreten!
Schon seit Jahren ist die Kleinstadt Königs Wusterhausen (KW) im Süd-Osten Berlins eine Hochburg rechtsextremer Aktivitäten. Ob in festen Strukturen organisiert oder als lose rechte Jugendszene - Neonazis dominieren das Stadtbild von KW. Allein bis 1995 gehen neben Schlägereien, Wehrsportübungen und Mordversuchen vier Tote auf das Konto von organisierten Faschisten in KW und dem umgebenden Dahme-Spreewald-Kreis. Daß rechte Umtriebe auch von Teilen der Bevölkerung getragen und gedeckt werden, verdeutlicht sich am Beispiel Dolgenbrodts: Bewohner des Dorfes bezahlten 1992 einen Nazi-Skin aus dem Spektrum der inzwischen verbotenen "Nationalistischen Front" (NF) für den Brandanschlag auf das bezugsfertige Asylbewerberheim im Ort. Im November 1998 wurde am Bahnhof Königs Wusterhausen William Z. aus Kamerun von drei Männern angegriffen, weil auch er nicht ins eingeengte Weltbild der Nazis passte. Taxifahrer, die den Übergriff beobachteten, verweigerten selbst nach Aufforderung jegliche Hilfe.
Neben offenem Terror gegen politisch mißliebige Personen und Einrichtungen gibt es Bemühungen der Neonazi-Szene in KW, eine Verankerung ihrer politischen Ideen auch innerhalb des jugend-kulturellen Bereiches zu erreichen und öffentliche Treffpunkte für sich zu besetzen.
Trotzdem auch der Verfassungsschutz 1998 über eine Stabilisierung der rechtsextremistischen Strömungen sowie einen deutlichen Anstieg neonazistischer Aktivitäten und Gewalttaten berichtete, hat Innenminister Jörg Schönbohm nichts besseres zu tun, als über einen "Präventionsrat gegen Kriminalität" mit dem Schwerpunkt Linksextremismus zu debattieren.
"United Skins KW" - die Kameradschaft vor Ort
Als einflußreichste Neonazigruppe vor Ort übt sich die Kameradschaft "United Skins KW" in Anti-Antifa-Arbeit, bei der Organisation von "Blood&Honour"-Konzerten sowie von Fußballturnieren mit Kameradschaften aus England, Schweden und ganz Deutschland. Zudem bringt sie ein eigenes Skinhead-Fanzine heraus. Die "United Skins KW" stehen beispielhaft für einen expandierenden, informellen und konspirativen Zusammenhang, der sich lange Zeit eine (sub)kulturelle Eigenständigkeit gegenüber Altnaziparteien - wie der 1964 gegründeten NPD - bewahrt hat.
Ende der 90er Jahre wechselten die organisierten Neonazis in der Region ihre Strategie. Während massive Angriffe auf MigrantInnen und Menschen, die nicht ins braune Weltbild passen, andauern, kommt es zu einer organisatorischen Neu-Konsolidierung: Bislang frei agierende Kameradschaften sammeln sich unter dem Dach der faschistischen NPD. Die militanten "United Skins KW" integrieren sich vor Ort in die NPD und fungieren mittlerweile als deren "Schutztruppe".
Die NPD im Kreis Dahme-Spreewald und ihre Verbindung zu "United Skins KW" Ende 1997 gründete sich der NPD-Kreisverband Spreewald, seit 1999 ist er auch im Altkreis KW aktiv. Nach eigenen Angaben ist er mit mehreren Hundert Mitgliedern der zweitgrößte Deutschlands. Der langjährige Vorsitzende der NPD Berlin-Brandenburg, Lutz Reichel, ist maßgeblich am Aufbau beteiligt. Bereits seit den 70er Jahren betätigt er sich für diese Partei; heute lebt er in Friedersdorf in der Nähe von KW. Reichel organisierte mit anderen Funktionären diverse Veranstaltungen mit mehr als 100 Teilnehmern und spielte Mitte Februar 2000 eine "Reichsgründungsfeier" in seinem Wohnort nach. Wenige Tage später baute er gemeinsam mit angereisten Kameraden und lokalen "United Skins"-Schlägern unter Polizeischutz einen NPD-Infostand in der Innenstadt von KW auf.
Im März diesen Jahres trat der NPD-Kreisverband Spreewald des öfteren mit Pressemitteilungen zum "roten Terror" in KW an die Öffentlichkeit. Die "Märkische Allgemeine Zeitung" (MAZ) sieht sich bedauerlicherweise - und vermutlich dank journalistischer Inkompetenz - genötigt, die Naziklagen teilweise im Wortlaut abzudrucken.
Kein Forum der Selbstdarstellung von faschistischer Propaganda! ...denkt sich vermutlich, wenn auch sehr spät, die nahegelegene Stadt Mittenwalde und zahlt promt 8.000 DM aus ihrer Kasse, um die NPD aus ihrer Mehrzweckhalle wieder auszuladen. Aus Angst vor "Randale" kündigte die Stadt den für eine NPD-Veranstaltung Anfang April 2000 bereits abgeschlossenen Mietvertrag. Um einen Rechtsstreit aus dem Weg zu gehen, wirft man den Nazis diese Abfindung hinterher.
Die "Sozial-Politk" der NPD
Die Öffnung der Partei und ihre strategische Neuorientierung auf Ostdeutschland haben wesentlichen Einfluß auf die Programmatik und Agitation der NPD. Bis Mitte der 90er Jahre ist sie noch bemüht, wenigstens zu militanten Rechtsextremiste öffentlich Distanz zu wahren. Nach dem Verbot rechter Parteien Mitte der 90er Jahre und der Selbstauflösung faschistischer Gruppierungen wie "Die Nationalen" versucht die NPD, gezielt zum Sammelbecken der Neonazi-Szene zu werden. Lokale und bundesweite Neonazi-Größen wie Andreas Storr (ehemals "Die Nationalen") sind in der NPD Integrationsfiguren.
Bei Kundgebungen, Aufmärschen und den letzten Wahlen stellt die NPD die "soziale Frage" verstärkt in den Mittelpunkt ihrer Propaganda. Vorgetragen im nationalrevolutionären Gestus bietet sie der NPD - so hofft sie - gerade in den neuen Bundesländern strategische Vorteile. Die ökonomischen und sozialen Begleiterscheinungen des bestehenden kapitalistischen Systems, die unter anderem in der andauernden Massenarbeitslosigkeit zum Ausdruck kommen, dient dabei als Basis für antisemitische, rassistische Verschwörungstheorien, die zwischen "guten, schaffenden und deutschen" sowie "bösen, raffenden und fremden" Kapitalisten unterscheiden. Bei der Betrachtung von Materialien und Parteiprogramm der NPD/JN wird deutlich, daß die "soziale Frage" mit leicht variierender NSDAP-Programmatik der 20er Jahre beantwortet werden soll. Die Parole "Kapitalismus zerschlagen" heißt hier nicht etwa, das kapitalistische System grundsätzlich in Frage zu stellen und die Veränderung der Eigentumsverhältnisse zu fordern, sondern Gewerkschaften zu zerschlagen ohne die Macht der Arbeitgeberverbände anzutasten. Auf die Globalisierung reagiert die NPD mit dem altbackenem Faschotraum: ein autarker, völkischer Nationalstaat, in dem sich die sozialen gegensätze zwischen Lohnabhängigen und (deutschen) Unternehmern wie von Zauberhand auflösen.
NPD-Bundeszentrale in Köpenick
Zur Jahreswende 2000 zog die Bundesparteizentrale der NPD von Stuttgart nach Berlin-Köpenick um. In der Seelenbinderstraße 42 befindet sich auch die Anschrift der "Deutschen Stimme", dem Propagandablatt der NPD. Nazi-Kader wie Lutz Reichel, der NPD-Bundesvorsitzende Udo Voigt und der Organisator unzähliger Aktionen der "Jungen Nationaldemokraten" (JN), Andreas Storr, arbeiten nun unmittelbar nebeneinander. Vor allem im Süd-Osten Berlins ist eine zunehmende Konzentration organisierter Faschisten zu beobachten. Der Umzug der Bundesparteizentrale nach Berlin und die massiven Organisierungsbemühungen im Landkreis Dahme-Spreewald stehen in direktem Zusammenhang!
Action speaks louder than words...
Am 17. Juni 2000 plant die NPD einen Aufmarsch in KW! Wo Nazis ihre menschenverachtende, rassistische Hetzpropaganda auf die Straße tragen wollen, muß ihnen durch ein breites antifaschistisches Bündnis Widerstand entgegengesetzt werden. Es gilt, die Nazis daran zu hindern, sich in Wort und Tat zu präsentieren.
Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen!
Mit unserer Demonstration wollen wir antifaschistisches Denken und Handeln auf die Straße tragen. Schlägernazis, rassistische Abschiebestrategen und deutschnationale Großmachtphantasten müssen unsere Entschlossenheit zu spüren bekommen!
Im Oktober 1998 fand schon einmal eine gutbesuchte Antifa-Demo in KW statt. Wir kommen wieder!
Antifaschistische Demonstration
11:00 Uhr Bahnhofsvorplatz
Königs Wusterhausen
Antifaschistische Kundgebung
13:00 Uhr VdN-Mahnmal (Puschkinstraße)
Königs Wusterhausen
Antifaschistische Arbeit braucht Kontinuität, um den rechten Konsens zu brechen! Organisiert Euch!
Am Freitag, den 9. Juni 2000 wurden vom Polizeipräsidium Potsdam sowohl die antifaschistische Demonstration als auch die Kundgebung am VdN-Mahnmal (von PDS und DKP angemeldet!) verboten. Beide Veranstalter klagen derzeit beim Verwaltungsgericht dagegen! Aktuelle Entwicklungen hier auf dieser Seite oder beim Antifa-InfoTelefon unter 030 / 2 756 0 756!
AufruferInnen: Revolutionäre Jugend Königs Wusterhausen; KWer Antifa-Offensive; Antifaschistische Aktion Berlin [AAB]; Revolutionäre Jugend Köpenick; SJD - Die Falken Landesverband Brandenburg; JugendAntifa Marzahn [JAM]; Antifa JugendAktion Kreuzberg [AJAK]; Antifa JugendAktion Schöneberg [AJAS]; Antifa Aktion Potsdam; Treptower AntifaGruppe [TAG]; Antifa JugendAktion Potsdam; p.u.l.k. - Potsdamer unabhängiger linker Kreis; Antiva Havelland; Rote Antifa Reinickendorf [RAR]; AntifaInitiative Erkner; Antifa Strausberg; Antifa-Jugend KW; PDS Kreisverband Dahme-Spreewald; PDS Gebietsvorstand KW; Antifa Bad Freienwalde / Wriezen; Antifaschistisches Aktionsbündnis III
UnterstützerInnen: PDS-Landesvorstand Brandenburg; Kampagne gegen Wehrpflicht, Zwangsdienste und Militär Potsdam; [So oder so!]; Sozialistische Liga / Sozialistische Initiative; [solid] - die sozialistische Jugend Landesverband Brandenburg; KPD Berlin; Antifa Belzig; Bund der Antifaschisten [BdA] Berlin e. V.; JungdemokratInnen / Junge Linke Rahnsdorf; JAG in der PDS Berlin; JugendAntifa Neuruppin
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