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[Quelle: junge Welt - 11.11.2000]

Alte Neue Linke

20 Jahre Berliner Mehringhof im Film - das linke Wohnzimmer altert.

Ein Film über den Mehringhof mit einem ernüchternden Resümee, die beiden 80jährigen Rentnerinnen sind enttäuscht: »Eigentlich haben wir erwartet, daß es Kaffee und Kuchen gratis gibt. Aber der Berthold, der ist ja auch nicht mehr da.« Schon seit 1979 befindet sich auf dem Gelände der Schriftgießerei Berthold AG der Mehringhof, und die Seniorinnen sind beim Hausfest zum 20jährigen Jubiläum wohl die einzigen Zeitzeugen. Das jahrelang als Autonomen- Hochburg gefürchtete Kreuzberger Initiativenhaus ist in die Sinnkrise gekommen. Unter dem Titel »Mehr Hof machen - der Mehringhof« haben drei junge Filmemacher diese depressive Stimmung jetzt in einem einstündigen Film eingefangen.

Die heroischen Straßenschlachten sind in Form von Plakaten oder Parolen an den Wänden festgehalten. In der Gegenwart aber überwiegt der Kampf ums Überleben. Oder war das nicht immer so? Ein Mitglied des Fahrradladens im Mehringhof zumindest meint trocken, »Anarchie und freie Marktwirtschaft« wäre vor 20 Jahren die Parole gewesen, mit der sie ihre Arbeit begonnen haben. Arno von »graph druckula«, einer Graphikwerkstatt im Mehringhof, kann nur noch mit Ironie zurückblicken: Ein Museum der verschwundenen Berliner Linken sei das Zentrum heute. Man solle Führungen durch das Haus machen und den Besuchern die Steine von legendären Straßenschlachten und die Sturmhauben von berühmten Straßenkämpfern zeigen, so sein sarkastischer Vorschlag. Horst von »Stattbuch e.V.« nennt die damaligen Kollektivvorstellungen im Nachhinein gar menschenverachtend. Elvi, eine Mehringhofaktivistin der ersten Stunde, kommt zu einem überraschend selbstkritischen Befund: »Die Sehnsucht nach dem kuscheligen, widerspruchsfreien Ort ist im Grunde kleinbürgerlich.«

Genau diese Sehnsucht aber war zu lange im Mehringhof präsent. Man scheute Auseinandersetzungen. Selbst einem Jochen Staadt, der nicht erst mit seiner Arbeit im SED-Forschungsverbund der Berliner FU in dieser Republik angekommen ist, setzte man den Stuhl nicht vor die Tür. Er schied schließlich aus eigenem Entschluß aus dem Mehringhofvorstand aus. Bei renitenten türkischen Jugendlichen allerdings waren manche Mehringhofinitiativler längst nicht so zimperlich. Die sollten Hausverbot bekommen, was allerdings auf internen Widerstand stieß. Alles Themen, die das Filmteam nicht anpackte, was eigentlich schade ist.

Überhaupt enthält sich das Filmteam jeden Kommentars und läßt die Bilder für sich sprechen. So wird die legendäre Szenekneipe derart verfremdet gezeigt, daß einem dabei sofort das Schlagwort vom »verlängerten Wohnzimmer« einfällt. Im nächsten Schnitt finden wir uns plötzlich mitten in einem der Punkkonzerte wieder, die in unregelmäßigen Abständen im Ex stattfinden. Das ist eine der wenigen Szenen, die im Film Aktivitäten der jüngeren Generation im Mehringhof vorstellt. Zuschauer, die nie einen Fuß ins Zentrum gesetzt haben, müßten sonst annehmen, daß hier die Alternativbewegung vor sich hinaltert. Vielleicht ist dieser Eindruck so falsch nicht. Marie von der Schule für Erwachsenenbildung (SFE) bringt den Generationskonflikt prägnant auf den Punkt: »Wir gehen zur Party nach Friedrichshain, während sich die ältere Generation für 20 DM im Mehringhoftheater vergnügt«.

Eine Großrazzia nach vermeintlichen Mitgliedern der Revolutionären Zellen (RZ) platzte mitten in die Dreharbeiten. Axel, einer der Hausmeister des Zentrums und zentraler Interviewpartner im Film, sitzt seitdem in Untersuchungshaft. Da wurden die Bilder von den alten Plakaten wieder Realität. Ein Polizeigroßaufgebot hatte das Zentrum abgeriegelt und Demonstranten werden brutal festgenommen. Doch niemand macht sich Illusionen, daß dadurch eine neue Politisierungswelle einsetzt. Im Gegenteil, in den letzten Schnitten flattert ein altes zerschlissenes Transparent einsam im Wind. Ein Abgesang auf den Mehringhof ist der Film dennoch nicht. Er liefert einen Rückblick auf 20 Jahre Alternativbewegung ohne Verklärung und Pathos. Droht der Mehringhof etwa, ein alternativer Rentnerpark zu werden, witzelte eine Aktivistin?

Peter Nowak

*** »Mehr Hof machen - der Mehringhof« hat am 12.11. um 17 Uhr im Lichtblick-Kino in der Kastanienallee 77, Berlin- Prenzlauer Berg, Premiere. Weitere Termine: 13. und 16. bis 19. November

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