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Quelle: Tagesspiegel - 25.4.2001

Gewalt am 1. Mai: "Wenn's knallt, liegt das an den Herrschenden"

Die linksradikale Szene sieht das Verbot der Demo als Bumerang für Innensenator Werthebach. Entlädt sich die Wut schon auf Nachmittagsdemos?

Lars von Törne

Das Verbot der "Revolutionären 1.-Mai-Demo" durch Innensenator Eckart Werthebach (CDU) hat die Fronten zwischen Anhängern der linken Szene und der Staatsmacht verhärtet. Trotz des am Montag angekündigten Verbots der Demonstration wollen Linksradikale am Tag der Arbeit weiter am Kreuzberger Oranienplatz demonstrieren. Das sagte ein Sprecher des Demo-Anmelders "Antifaschistische Aktion Berlin" am Dienstag. Auch andere Gruppen der autonomen Szene riefen am Dienstag ihre Anhänger weiter dazu auf, am 1. Mai um 18 Uhr zum Oranienplatz zu kommen, um sich "gegen Polizeigewalt", "für den Kommunismus" oder für eine "soziale Revolution weltweit" stark zu machen.

Viele Sympathisanten der Mai-Demonstrationen sehen sich durch den Vorstoß Werthebachs in ihrem Weltbild bestätigt. "Der provoziert doch damit nur noch mehr Gewalt", sagte eine junge Frau, die gestern im Kreuzberger Mehringhof Plakate für die ebenfalls als "Revolutionäre 1.-Mai-Demo" bezeichnete Kundgebung am frühen Nachmittag des 1. Mai aufhängte. Diese Veranstaltung wurde von der Versammlungsbehörde genehmigt und gilt als weniger gewaltträchtig als die am Abend. Die junge Aktivistin, die ihren Namen nicht nennen möchte, befürchtet jedoch, dass sich durch das Verbot der Abend-Demo jetzt der angestaute Druck schon am Nachmittag entladen könnten. "Wir wollen keine Gewalt", sagt sie, "aber wenn's doch knallt, liegt das an den Herrschenden, nicht an uns."

Beim Szene-Buchladen "M99" in der Kreuzberger Manteuffelstraße hält man das angestrebte Verbot ebenfalls für einen Bumerang: "Wenn die Sache illegal ist, gibt das doch nur den gewaltbereiten Autonomen und den besonders riskofreudigen Jugendlichen Rückenwind", sagt ein junger Punk mit "Anarchy"-T-Shirt. Der 15-Jährige zählte sich in den vergangenen Jahren zu den gewaltlosen Teilnehmern der abendlichen Mai-Demo. Ob er diesmal trotz des Verbots wieder dabei sein würde, weiß er noch nicht. Aber viele seiner Bekannten, "die wollen sich auch in diesem Jahr wieder mit den Bullen schlagen - und das Verbot ist die beste Werbung für Randale." So sieht es auch der 15-jährige Fatih, der mit seinen Kumpels neben dem Oranienplatz Fußball spielt. Er selbst habe zwar bisher nicht am 1. Mai mit Steinen geworfen. Aber er kenne viele Jugendliche, "für die gehört es einfach dazu, an dem Tag zu randalieren". Daran ändere auch das Verbot der Demonstration nichts.

Kenner der Szene befürchten, dass durch das Verbot jetzt der Demo-Anmelder, die umstrittene "Antifaschistischen Aktion Berlin" (AAB), an Renommé im linken Spektrum gewinnen wird. "Bisher hatten viele von uns ein gespaltenes Verhältnis zur AAB", sagt eine junge Frau aus der Friedrichshainer Hausbesetzer-Szene. "Aber jetzt haben die sich großen Respekt erworben, weil sie die Sache am Oranienplatz organisieren und auch gegen Werthebachs Widerstand durchziehen wollen."

Am voraussichtlichen Schauplatz des Geschehens haben die Anwohner unterdessen wenig Hoffnungen, dass ihnen der Krawall erspart bleibt. "Das Verbot heizt die Aggression doch nur an", ärgert sich die Mitarbeiterin eines Ladens am Oranienplatz. Und ihr Kollege sagt: "Wir werden auch diesmal unsere Scheiben verbarrikadieren - wie in jedem Jahr."

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