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Quelle: Berliner Morgenpost - 29.4.2001

Empörung über NPD-Demo

Von Regina Köhler und Ingo Rößling

Wolfram Friedersdorff, Bürgermeister von Lichtenberg-Hohenschönhausen (PDS), ist mehr als ärgerlich. Die Entscheidung des Oberverwaltungsgerichtes, die für den 1. Mai angemeldete NPD-Demonstration zum Thema «Arbeit zuerst für Deutsche» zwar nicht in der Innenstadt, dafür aber in Hohenschönhausen zu genehmigen, hält er für vollkommen falsch.

«Damit wird doch wieder nur das Klischee von der Anhäufung rechtsextremistischen Gedankengutes in den Plattenbausiedlungen bedient», schimpft er. Genau das stimme einfach nicht. Friedersdorff hofft nun, dass sich spontan eine Gegendemonstration formiert. «Wir müssen Zeichen setzen.» Das 1.-Mai-Fest rund um das Bezirksrathaus an der Möllendorffstraße sei ein derartiger Versuch.

Auch Gregor Hoffmann, stellvertretender CDU-Vorsitzender von Lichtenberg-Hohenschönhausen, ist über die Entscheidung des Verwaltungsgerichtes empört. «Hoffentlich werden in diesem dicht bevölkerten Wohngebiet alle notwendigen Sicherheitsvorkehrungen für die Bewohner getroffen und es kommt nicht zu Krawallen», sagt er.

Vor Ort herrschte gestern Vormittag sonnabendliche Gelassenheit. Hohenschönhausen wirkte irgendwie aufgeräumt. Wenig nur erinnert hier noch an den heruntergekommenen Charme spätsozialistischer Architektur. Zwischen den größtenteils sanierten Plattenbauten grünt es heftig. Vorgärten und Hecken sind bestens in Schuss, Gehwege sauber, Fassaden hell.

Viele Hohenschönhausener sind mit Einkaufstaschen unterwegs. Vom Beschluss des Oberverwaltungsgerichtes haben die meisten von ihnen zu dieser Stunde noch gar nichts gehört. Eine Meinung dazu haben sie allerdings alle. Während ein junger Mann mit Glatze und Bomberjacke «nichts dagegen hat», hebt Lucie Wischnewski abwehrend die Hände. Die 87-Jährige lebt seit 1939 in Berlin und hat «das alles schon einmal mitgemacht».

Das müsste unbedingt verboten werden, ereifert sie sich und meint damit nicht nur den Aufmarsch der Rechtsextremen. Auch alle anderen Demonstrationen sollten die Politiker untersagen. «Das gibt doch nur Krawalle und Zerstörung, mehr nicht.» Sven Schrödter nickt. «Solange alles ruhig abläuft, kann man allerdings nichts verbieten», findet er. Mit der NPD-Demonstration hat der 30-Jährige Anlagenfahrer deshalb kein Problem. Für absolut richtig hält er hingegen das Demonstrationsverbot für die Linksradikalen. «Gegen deren Zerstörungswut muss die Polizei hart vorgehen.»

Sven Schließmann hingegen hält die Entscheidungen des Oberverwaltungsgerichts für «völlig bekloppt». Er sei zwar nicht politisch, dazu habe er keine Zeit, meint der 19-jährige Kellner, dennoch empöre es ihn, dass den Rechten die Demonstration erlaubt, den Linken aber verboten wurde. «Das ist einfach Schwachsinn», lautet sein Kommentar.

Auch Liane und Joachim Gliszczinski reagieren empört. Wenn ein Aufmarsch der NPD schon erlaubt sei, solle der doch vor der Haustür des Bundeskanzlers stattfinden, empfiehlt der 46-jährige Mann aufgebracht. «Die schieben das in die Randgebiete ab. Mitte soll sauber bleiben.» Liane Gliszczinski ärgert sich maßlos, dass ausgerechnet Hohenschönhausen herhalten muss. Eine solche Entscheidung untermauere bestehende Vorurteile gegen die Plattenbausiedlungen nur noch. Das Ehepaar ist wütend. Klammheimlich sei die Entscheidung gefallen. «Was sollen wir da noch unternehmen?», kommt es resigniert.

«Wir haben doch Demokratie. Da kann eben jeder machen, was er will», ruft ein älterer Herr im Vorbeigehen. Er will zum Supermarkt um die Ecke, sich dort erst einmal eine Zeitung kaufen, um über den Verlauf der Demonstration informiert zu sein.

Ike-Forster Braun (34) und Norbert Walter (46) sind bereits unterrichtet. Bei Kaffee und Bier diskutieren sie die bevorstehenden Ereignisse in Coban Alis Dönerladen an der Vincent-van-Gogh-Straße. Norbert Walter, seit Dezember vergangenen Jahres arbeitslos, wagt die Behauptung, dass halb Hohenschönhausen sich der NPD-Demo anschließen würde. «Die Leute haben nur Angst davor, als Radikale abgestempelt zu werden, sonst würden sie sich trauen.» Walter will nicht falsch verstanden werden. Rechts sei er nicht, aber auf jeden Fall dagegen, dass vor allem arbeitslose Ausländer nach Deutschland kämen. So etwas wie die Green Card müsse her, nur beruflich qualifizierten Ausländern das Leben in Deutschland genehmigt werden.

Ike-Forster Braun stimmt ihm zu, hält aber nichts von der NPD. Das seien totale Spinner ohne richtiges Programm. «Uns hilf sowieso keiner», sind sich die beiden Männer schließlich einig.

Elvira Krause wohnt an der Hohenschönhausener Dorfstraße. Auch hier werden die Teilnehmer der NPD-Demo am 1. Mai vorbeimarschieren. Die 38-Jährige ist wütend, zuckt aber hilflos mit den Schultern. «So hat das doch schon einmal alles angefangen. Deshalb ist es einfach ein Unding, dass diese Demonstration erlaubt worden ist.»

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