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Quelle: junge Welt - 4.5.2001

Was haben Sie am 1. Mai beobachtet?

Der Berliner FU-Professor Wolf-Dieter Narr ist Geschäftsführender Vorstand des Grundrechtekomitees. jW sprach mit ihm.

F: Sie haben am Dienstag als Beobachter der Demonstrationen zum 1. Mai in Berlin-Kreuzberg teilgenommen. Wie hat sich denn das Geschehen in diesem Jahr, immerhin waren ja bestimmte linke Versammlungen verboten, von den vergangenen Jahren unterschieden?

Zunächst dadurch, dass die Demonstrationen früher begonnen haben. Ich war als Beobachter schon ab zwölf Uhr in Kreuzberg. Ich bin mit Kolleginnen oder Kollegen in verschiedene Strassen gegangen. Zunächst war nicht erkenntlich, dass es unfriedlich werden könnte. Doch als wir an der Station Kottbusser Tor ankamen, sind in der U-Bahn die Jüngeren alle kontrolliert worden. Ich selber nicht. Der Bundesgrenzschutz war aber schon vor Ort. Inzwischen wird der Grenzschutz ja bei allen Grossdemonstrationen eingesetzt und fungiert längst als eine Art besonders gewalttätige Bundespolizei. Auch überall sonst waren Polizeiautos und Polizeibeamte zu sehen - sonst gab es nichts weiter Auffälliges. Meiner Wahrnehmung nach fingen die Probleme erst um 15 Uhr herum an.

F: Wie erklären Sie sich die dann einsetzende Eskalation?

Nun, bis 15 Uhr war jede Art von 'Auflauf' oder jede Art von Ansammlung erlaubt. Danach waren die Versammlungen verboten. Zu dieser Zeit bin ich mit einer Kollegin vom Komitee für Grundrechte die Strassen entlang gegangen, wo die Demonstrationen stattfanden. Auf einer Bank hat ein alter Mann gesessen, also so in meinem Alter, Anfang 60, und trank ein Bier. Ihm wurde von uniformierten Beamten der Platz verwehrt. Auch ein anderer hat sich bei uns heftig beschwert, dass er vertrieben worden sei. Die beiden sahen wirklich nicht aus, als ob sie irgendwann zu einer Demo stossen könnten. Danach ging es Schlag auf Schlag. An der Ecke Oranienstrasse und Adalbertstrasse stiessen wir auf den ersten Polizeikessel. Ich bin dann selber durch den Polizeikordon durchgegangen. Man konnte nicht raus, aber man konnte rein. Ich wollte sehen, was da stattfindet. Während dieser Vorfälle bin ich dann selber inhaftiert worden.

F: Weil Sie in den Polizeikessel hineingegangen sind?

Wohl nicht deswegen. Zunächst stand ich ja ausserhalb, konnte von dort aus aber nicht sehen, was in dem Kessel vor sich geht. Und da ich nun einmal als Beobachter vor Ort bin und diese Aufgabe ernst nehme, bin ich durch die Polizeilinie gegangen. Vielleicht auch, weil ich weniger Angst in solchen Fällen habe. Ich bin da also durchgeschlüpft, rein in die Sache und habe dann gesehen, dass etwa 20 junge Leute am Eingang zur Adalbertstrasse auf dem Boden sitzen. In dem Moment hat dann der Polizeieinsatzleiter, oder wer auch immer, durch ein Megaphon verkündet, dass alle den Platz zu räumen hätten. Die Beamten haben dann sofort begonnen, die 20 Leute wegzuräumen. Einen haben sie heftig am Kopf gezogen. Da habe ich eingegriffen, weil meine Demonstrationsbeobachtung da aufhört, wo jemand gefährdet ist. Ich würde auch einen gefährdeten Polizeibeamten schützen wollen. Also bin ich hin und habe geschrien, sie sollen das sofort lassen. Ich wollte noch weiter, aber da kam schon die Polizei von mindestens zwei Seiten und so massiv und so schnell, dass ich ins Stolpern gekommen bin. Ich habe noch einen Ort gesucht, wo ich weitergehen könnte, aber das ist mir nicht mehr gelungen. Bevor ich weitergedacht habe, haben mich schon zwei Polizeibeamte vom Rücken her ergriffen, ziemlich hart, Brille und Hörgerät sind mir dabei verloren gegangen. Das Hörgerät verliert man nur, wenn der Kopf hart gestossen wird. Das schmerzt auch heute noch. Ich bin dann sehr unsanft in so eine Polizeiwanne gestossen worden.

F: Mit wie vielen Beobachtern waren Sie denn vor Ort?

Es waren diesmal ungewöhnlich viele, weil das Demonstrationsverbot viele Studierende dazu gebracht hat, an den Beobachtungen teilzunehmen. Dieses Jahr waren es etwa 50.

F: In welcher Form werden Sie Ihre Beobachtungen auswerten?

Wir werden die Presse über das geschehene informieren. Heute halten wir um 11.30 Uhr eine kleine Pressekonferenz im Haus der Demokratie ab. Erste Berichte liegen jetzt schon schriftlich vor. Bis spätestens Ende der nächsten Woche wollen wir alle Berichte auswerten, so dass wir dann unsere Einschätzung dieses Demonstrationsverbotes und seiner Wirkung öffentlich machen können.

F: Innensenator Eckart Werthebach hat angekündigt, dass das, was wir am Dienstag gesehen haben, erst der Anfang einer mittel- oder langfristigen Strategie sei. Was erwarten Sie also im nächsten Jahr?

Herr Werthebach ist einfach ein Antidemokrat, um das mal deutlich zu sagen. So redet nur einer, der von Demokratie aber auch nichts, nicht einmal die Buchstaben kennt. So redet jemand, der Demonstrationen einfach nicht ernst nimmt. Denn sonst kann er nicht wollen, dass sozusagen durch wiederholte Formen der Verbote und übermässigen Polizeieinsatz die jungen Leute so kirre gemacht werden, dass sie entweder resignieren oder zynisch werden. Diese Wirkung halte ich für die schlimmste, aber auch eine mögliche Wirkung. Als alter Dackel kann ich nur dagegen angehen, indem ich richtige Informationen über diese undemokratische Politik verbreite. Und das werde ich mit allen Mitteln tun.

Interview: Harald Neuber

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