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Quelle: Tagesspiegel - 4.5.2001
1. Mai: Idylle nach dem Sturm
Der Mariannenplatz stand am 1. Mai im Mittelpunkt der Krawalle, inzwischen sind die Spuren der Gewalt schon fast verwischt.
Katja Füchsel
Klak. Klak. Klak. Immer wieder zerreißt der Dreiklang das Vogelgezwitscher am Mariannenplatz. Wer ihm folgt, kommt vorbei an flachen Sandhügeln, rechts und links auf dem Bürgersteig, manche sind nicht größer als ein Handtuch, auf anderen könnte sich eine Schulklasse sonnen. Klak. Klak. Klak.
Mitten auf dem Mariannenplatz, gegenüber vom Feuerwehrbrunnen, hat sich Georg Lorenz gerade ein besonders prächtiges Exemplar vorgenommen. Mit nacktem Oberkörper greift er nach den Steinen, der Mann hat Routine. "Seit acht Jahren pflastern wir hier jedes Jahr neu", sagt Lorenz und setzt den Stein mit drei leichten Schlägen ein. Klak. Klak. Klak. Der Steinsetzer hat sich längst an den Sondereinsatz im Frühling gewöhnt, aber in diesem Jahr sei der Schaden besonders schlimm. Mindestens 200, vielleicht sogar 300 Quadratmeter, schätzt Lorenz, haben die Randalierer in der Nacht zum 1. Mai aufgerissen. Viel Arbeit für Lorenz und seine Kollegen. "250 Steine passen auf einen Quadratmeter", sagt er und wischt sich den Schweiß von der Stirn, bevor er die jetzt frisch gepflasterte Fläche mit hellem Sand bedeckt. Auf geht's zur nächsten Kuhle.
Kreuzberg nach den Krawallen. Die Zeitungsschürze am Kiosk nebenan will heute gar nicht mehr zu dem Bild auf der Straße passen: "Explosion der Gewalt. Rund um den Mariannenplatz", steht auf dem Plakat - inmitten einer sommerlichen Idylle. Durch den Park schallt Kindergelächter. Zwei alte Männer sitzen auf einer Bank im Schatten, rauchen und lassen Perlenketten durch die Finger gleiten. Ein junger Mann schiebt einen Kinderwagen vorbei, ein Junkie schleppt sich über die Straße. Er kreuzt den Weg zweier Punks, Springerstiefel, grüne Haare, zerrissene Hosen, daneben trottet ein unangeleinter Kampfhund. Soll sein, mögen die Spaziergänger denken, hier dreht sich niemand nach dem anderen um.
Auch Apotheker Hermann Rausch mag es gerne bunt. "Am Mariannenplatz wird's nie langweilig", sagt der Chef der Mariannen-Apotheke lachend. Die Nachbarschaft, das südländische Flair auf den Straßen gebe ihm das Gefühl, bei der Arbeit im Urlaub zu sein. Vor 15 Jahren hat er am Mariannenplatz eröffnet, bereits 15 Mal haben sich Demonstranten und Polizisten vor seiner Tür eine Schlacht geliefert. Das Jahr 2001, prophezeit Rausch, wird der Nachbarschaft noch lange im Gedächtnis bleiben, wegen "dieser bürgerkriegsähnlichen Zustände".
Schon zwei Tage später erinnern an die Krawalle rund um den Mariannenplatz aber nur noch wenige Spuren. Da setzen beispielsweise zwei Männer an einer lädierten Bushaltestelle neue Scheiben ein. Bei Apotheker Rausch zerschlugen die Steine der Randalierer die Uhr über der Eingangstür. Nebenan im Eiscafé gingen zwei Reklameschilder und eine Tür zu Bruch. Das "Frauenkollektiv Kraut und Rüben", die Keramikwerkstatt, das "Hanfhaus" und der Buchladen "Mondlicht" scheinen hingegen ohne größere Schäden davongekommen zu sein. Die Alteingesessenen unter ihnen sind Blaulicht und Sirenen gewohnt, nicht nur vom 1. Mai: In den 70er und 80er Jahren war der Mariannenplatz Zentrum der Hausbesetzerbewegung. Das "Georg-von-Rauch-Haus" gilt als das erste besetzte Haus Berlins.
Schnee von gestern. Inzwischen sorgen die Autonomen nur noch am 1. Mai dafür, dass Pflasterleger Lorenz nicht arbeitslos wird. Dass er mit seinem Haufen handlicher Steine Sisyphos voll zur Ehre gereichen kann, seit acht Jahren schon. Als tragische Figur sieht sich der Mann trotzdem nicht. "Is' doch unsere Arbeit", sagt Lorenz knapp. Am Sonnabend wollen er und seine Kollegen mit dem Mariannenplatz wieder einmal durch sein.
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