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1. Mai 2002 Sonderseite
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Quelle: junge Welt - 19.4.2002
Wie wär's mit politikfreiem Happening?
Berliner Polizei präsentierte ihr Konzept zur Gewaltprävention am 1. Mai
Ralf Wurzbacher
Stell Dir vor, es wäre der 1. Mai, und keiner geht hin. Reine Utopie? Nicht, wenn es nach den Strategen der Berliner Polizei geht. Gut zwei Wochen vor der alljährlichen rituellen Randale zum Kampftag der Arbeiterklasse rüstet die Polizeidirektion 5/Berlin-Neukölln zur präventiven Befriedung. Ziel der Kampagne: den »Tag der Arbeit« in den eines politik- und protestfreien Happenings umzudeklarieren. Primäre Zielgruppe der ausgesandten Öffentlichkeitskämpfer in grün: Sogenannte »erlebnisorientierte Jugendliche«, die zur Gewaltbereitschaft neigen könnten. Die sind in der Regel in öffentlichen Erziehungsanstalten anzutreffen. Und so erhalten Neuköllner und Kreuzberger Schüler seit Wochenfrist Besuch im Unterricht, verbunden mit feingeistigen Unterweisungen in Sachen Gewaltfreiheit und Entpolitisierung.
Zweiter Adressat der polizeilichen »Aufklärungskampagne«: die Öffentlichkeit. Die durfte sich am Donnerstag vor adäquater Kulisse einfinden. Dort, wo Träume geboren werden, im UCI-Kinopalast Neukölln, wurden Journalisten imposante polizeiliche Luftschlösser präsentiert. In einer Broschüre heißt es: »Das Angebot richtet sich gezielt an Berliner Jugendliche, denen eine attraktive Alternative zum Erlebnisraum Straße geboten werden muß.« Die Botschaft der Veranstaltung könnte also lauten: Der 1. Mai ist zum Feiern da und hat nix mit Politik, Protest und Widerstand gegen gesellschaftliche Mißstände, Krieg, Unterdrückung und Armut zu tun. Und wenn dem so ist, kann man auch gleich zu Hause bleiben. Oder eben doch besser eines der vielen Freizeitangebote nutzen, die mit Unterstützung der Polizei von all dem ablenken sollen.
Damit auch allen dieses Licht aufgehen möge, setzt die Polizei wie immer auf den »AHA«-Effekt. A steht für Aufmerksamkeit und meint die »Sensibilisierung von Medien, Anwohnern und Beteiligten« für die gute Sache der Polizei. H steht für die Hilfe aller Beteiligten gegenüber »den Gewährleistern des öffentlichen Kommunikationsrechts« und soll vielleicht zur Unterstützung der Vernichtung fotografischen Beweismaterials brutaler polizeilicher Übergriffe anregen. Das letzte A steht für Appell an alle, »um so dem gemeinsamen Ziel Gewaltfreiheit näher zu kommen«. Aufschluß darüber, wie diese Strategie in der Praxis sicher nicht aussieht, lieferte die Darbietung eines kleinen Propagandastreifens gegen Gewalt. »Friede, Freude, Eierkuchen« am 1. Mai hätte das Werk heißen können. Fußballkickende Jugendliche, sonnenbadende Badegäste in Badeanstalten und Familienglück in den hauptstädtischen Parkanlagen. Von fliegenden Steinen, knüppelnden Beamten, Tränengas und Wasserwerfern keine Spur. Statt dessen mit Bürgern ins Gespräch vertiefte Uniformierte einer Anti-Konflikt-Gruppe. Dazu fidelten keine Streichergruppen - ausgerechnet »Die letzte Schlacht gewinnen wir« von Ton Steine Scherben war zu hören. Rio Reiser dürfte sich im Grabe umgedreht haben.
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