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Stressfaktor - Berliner Terminkalender für linke Subkultur und Politik

Zeitungsberichte zum 1. Mai 2002
Auf dieser Seite findet Ihr die Zeitungsberichte, die im Vorfeld zum 1. Mai (hauptsächlich zu Berlin) erschienen sind.
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1. Mai 2002

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Quelle: Neues Deutschland - 19.4.2002

Die Spraydosen spendiert der Staatsanwalt

Anti-Gewalt-Konzept der Polizei für den diesjährigen 1. Mai vorgestellt

Von Rainer Funke

Wie seit vier Jahren gewohnt rückt wenige Tage vor dem 1. Mai das von der Polizei kreierte AHA-Konzept wieder stärker in den Blickpunkt. Unter dem Motto »Gewalt hat viele Gesichter und alle sind hässlich« wird versucht, junge Leute von den nahezu ritualisierten Straßenschlachten am 1. Mai abzuhalten. Bei der Polizei verwendet man dafür die Stichworte »gewaltabschöpfende Maßnahmen«, »gewaltmindernd einwirken auf Leute und Stimmungslage« sowie »Gewaltminimierung durch Kommunikation«.

AHA meint in diesem Zusammenhang, im Vorfeld Aufmerksamkeit für das Problem zu erregen, Hilfe bei den regional Verantwortlichen zu erbitten und selbst zu gewähren, sowie an die Vernunft zu appellieren, wie gestern vor der Presse erläutert wurde. Am Tag selbst bietet man in Kreuzberg allerlei für die Selbstbetätigung an. Im Böcklerpark etwa gibt es eine Graffiti-Meile, in der auf 150 Metern Länge Holzwände besprüht werden können. Die dazu nötigen Spraydosen spendiert die Staatsanwaltschaft aus konfiszierten Beständen. Auf einer Sportmeile versucht man, Kinder für Streetball, Inlineskating, Boulderwand, Kistenklettern und Bungyjumping zu interessieren. Dazu organisiert die Polizei drei Fußballturniere. Im Spreewald- und im Prinzenbad will man an- und spaßplanschen.

Das gesamte Jahr über begibt sich die Polizei an Schulen, um dort das Thema Gewalt und ihre Folgen zu debattieren. Ob das bei potenziellen Steinewerfern etwas bringt, weiß man beim AHA-Team nicht. Aber immerhin wurden auf diese Weise voriges Jahr 830 Schüler aus 43 Kreuzberger Klassen erreicht. Stadtweit bekamen 4000 Klassen mit 8000 bis 10000 Zöglingen derartigen Polizeibesuch.

Den präventiven Unterricht in Sachen Gewalt erteilen neben anderen auch Beamte aus dem 60-köpfigen Anti-Konflikt-Team, das auch am Tage selbst überall zu sehen ist, wo es zu Demos und Festen kommt. Man erkennt die »Schlichter« an schwarzen Basecaps mit der Aufschrift »Polizei«. Und auch daran, dass sie ohne Schild und Schlagstock zu Werke gehen. Die allein auf Kommunikation bedachten Polizisten sollen auf die Leute direkt zugehen. Wer redet, schmeißt keine Steine, meint man und will auf diese Art Aggressionen und Gewaltbereitschaft abbauen.

Obgleich Prävention nie ganz umsonst sein dürfte, gilt das Polizeikonzept als strittig. Denn diejenigen, die Autos umkippen oder anzünden, Schaufensterscheiben einschlagen oder die Straße auf andere Weise zum Schlachtfeld machen, erreicht man gewiss nicht. Wie Polizeisprecher Thomas Mücke sagt, versucht man mit AHA vor allem, die Mitläufer zu »bekehren«. Und hofft darauf, dass steter Tropfen tatsächlich den Stein höhlt.

Zum gewohnten Bild der Straßenschlachten gehören aber auch Polizisten, die trotz neuerlicher »Beschulung« von ihrem über Jahre geprägten Feindbild nicht abrücken. Gewalt sei ein zerstörerischer Impuls, er richte sich auch gegen den Gewalttäter selbst, weil er über sich die Kontrolle verloren habe, nichts rechtfertige es, andere Menschen zu verletzen, heißt es im AHA-Appell. Dies Wort auch ins Ohr der am 1. Mai diensttuenden Polizisten.

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