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1. Mai 2002 Sonderseite
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Quelle: Tagesspiegel - 27.4.2002
Abenteuer Steinewerfen
Eine polizeiinterne Studie über die Krawallmacher vom 1. Mai zeigt: Die Festgenommenen sind zumeist unpolitisch
Entbehrt der Mythos vom politischen Straßenkämpfer in Kreuzberg jeder Realität? Sicherheitsexperten kamen jetzt zu dem Ergebnis: An den Ausschreitungen am 1. Mai des vergangenen Jahres beteiligten sich vor allem Jugendliche und junge Erwachsene, die bislang nie durch politische Aktivitäten aufgefallen waren. Junge Leute, die im Krawall ein Abenteuer suchen.
Ex-Innensenator Eckart Werthebach (CDU) und die Innenpolitiker der Parteien hatten aber mit Demonstrationsverboten und politischen Warnungen stets auf politische Gruppierungen gezielt – um so den ritualisierten Krawall zu verhindern. Dabei war schon in den Jahren zuvor die Vielzahl modisch gekleideter deutscher, aber auch ausländischer Jugendlicher, die sich unorganisiert am Krawall beteiligten und Steine oder Flaschen gegen Polizeibeamte schleuderten, zu beobachten gewesen. Jetzt belegt eine Studie, die die Polizei vor dem 1. Mai aus taktischen Gründen geheimhalten wollte, die These vom unpolitischen "Abenteuerspielplatz 1. Mai". Unter denjenigen, die am oder nach dem 1. Mai festgenommen worden waren, trafen die Beamten kaum auf Demonstranten, die einschlägig politisch vorbestraft waren.
In einem Aufsatz für die Fachzeitschrift "Die Polizei" gibt auch Michael Knape, Leiter der Polizeidirektion 7, einen Überblick über die Struktur der Festgenommenen. Danach wurden 616 Personen kurzzeitig festgehalten, davon 148 Leute wegen einer Straftat. Für 36 von ihnen wurde Haftbefehl erlassen, 27 wurden von der Haft verschont. Unter den 148 Straftätern waren nur zehn Mädchen oder junge Frauen. Auch die ausländischen jungen Leute waren eine kleine Minderheit. Neben 136 Deutschen wurden 12 Ausländer festgenommen. Wie viele eingebürgerte Migranten unter den Deutschen waren, ist nicht ausgewiesen.
Weniger aussagekräftig als diese Zahlen ist die Einteilung nach dem Alter. Wegen Straftaten festgenommen wurden 88 Erwachsene, 40 Heranwachsende und 20 Jugendliche. Als Heranwachsende zählen jedoch nur junge Leute bis zum Alter von 21 Jahren. Selbst die Polizei betrachtet jedoch auch junge Leute bis etwa Mitte 20 als Jugendliche im weiteren Sinne.
Die Beobachtung, die Knape im vergangenen Jahr gemacht hat, entsprechen den statistischen Erkenntnissen. "Plötzlich und unerwartet entpuppten sich überwiegend junge Leute als gefährliche Straftäter", schildert Knape eine Situation, als die Lage auf dem Gelände des Mariannenplatzfestes eskalierte. "Sie begannen überraschend, überfallartig und somit für die Polizei nicht exakt vorhersehbar, Steine auf die Einsatzkräfte der Polizei zu werfen." Und resigniert hält Knape fest: "Letztendlich bleibt festzuhalten, dass man es den Leuten nicht ansehen kann, ob und wann sie sich als Straftäter entpuppen." Ob die Struktur der Festgenommenen die Struktur derjenigen, die am 1. Mai an den Ausschreitungen beteiligt waren exakt widerspiegelt, ist nicht mit Gewissheit zu sagen. Die Polizei konnte sicher nicht jeden festnehmen, der einen Stein geworfen hatte.
Barbara Junge
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