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Stressfaktor - Berliner Terminkalender für linke Subkultur und Politik

Zeitungsberichte zum 1. Mai 2002
Auf dieser Seite findet Ihr die Zeitungsberichte, die im Vorfeld zum 1. Mai (hauptsächlich zu Berlin) erschienen sind.
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1. Mai 2002

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Quelle: Berliner Zeitung - 30.4.2002

"In der Gewaltwolke"

Brigitte Fehrle

Der Politikprofessor Peter Grottian, Dozent an der Freien Universität Berlin, hatte für diesen 1. Mai ein besonderes Anliegen. Er wollte den Tag zu einer friedlichen gleichwohl politischen Veranstaltung machen. Grottian, ein Befürworter von zivilem Ungehorsam, hatte die Idee, aus einem Teil Kreuzbergs an diesem Tag ein polizeifreies Areal zu machen, in dem sich "40 - 50 000 Linke zu einem politischen Selbstverständigungsprozess versammeln".

Der 1. Mai in Kreuzberg ist nur leider ein Datum ganz anderer Art. Randale heißt das Programm seit 15 Jahren. Diese Tradition wollen sich die Akteure nicht nehmen lassen. Sie nennen ihre Absicht "revolutionär", mithin "politisch" und wollen sich von "reformistischen" Leuten wie Peter Grottian nicht "befrieden" lassen.

"Massenerotisches Ereignis"

Vielleicht ist das Ritual am ehesten für diejenigen zu verstehen, die den rheinischen Karneval lieben, oder die Love Parade. Man freut sich das ganze Jahr drauf, einmal richtig ausrasten zu können. So ist das mit dem 1. Mai. Vor einigen Tagen sagte auf einer Veranstaltung im "SO 36" vor mehreren hundert Leuten ein junger Mann, ein Vertreter der "AAB" (Antifaschistische Aktion Berlin), für ihn sei der 1. Mai wie für andere Weihnachten. Ein anderer nennt es ein "massenerotisches Erlebnis" , natürlich gebe es auch "Krawalltourismus". Wer reden will über die Kids, zumal die ausländischen, die ihrerseits seit Jahren auf dem abendlichen Abenteuerspielplatz mitmischen, der ist ein "Rassist".

Für diese Jungs - es sind fast ausschließlich Jungs - ist klar, dass es Randale gibt. An Legitimation und Selbstsuggestion über das eigene vorgeblich revolutionäre Bewusstsein mangelt es nicht. Es sei "besser, ich mache eine Bank kaputt, als dass ich weiter ertrage, dass die Verhältnisse mich kaputtmachen", sagte der eine oder, "wenn einer versucht, mich zu hauen, haue ich natürlich zuerst".

Alle rechnen mit dem scheinbar Unvermeidlichen. Peter Grottian wirkt in seiner Beharrlichkeit, mit der er "strikt gewaltfrei" sein möchte, in dieser Runde fast rührend. Angela Marquardt, Bundestagsabgeordnete der PDS, wird, so scheint es, geduldet, vielleicht auch benutzt. Auch das ist eine Tradition im Randale-Ritual. Man benutzt die Linken als eine Art Schutzschild gegen die Polizei. Denn was Marquardt an diesem Abend sagt, müsste alle empören. Der Streit um das "richtige" revolutionäre Konzept sei etwas, was man sich im Osten nicht leisten könne. Sie müsse im Zweifel auch Bündnisse mit einem CDU-Bürgermeister schließen, wenn er der Einzige sei, der sich mit ihr gegen Neonazis auf die Straße setzt.

Die Kreuzberger Randalisten lassen sich von solcherart Realismus nicht vom rechten Weg abbringen. Und deshalb wird Peter Grottian auch an diesem 1. Mai feststellen, dass "das politische Potenzial in eine Gewaltwolke eingehüllt ist".

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Tel. 030 - 69 222 22
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