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Stressfaktor - Berliner Terminkalender für linke Subkultur und Politik

Zeitungsberichte zum 1. Mai 2002
Auf dieser Seite findet Ihr die Zeitungsberichte, die im Vorfeld zum 1. Mai (hauptsächlich zu Berlin) erschienen sind.
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1. Mai 2002

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Quelle: Berliner Morgenpost - 2.5.2002

«Diese Gewalt sollen meine Kinder nicht erleben»

Zwischen Angst und Neugier: Feiertagsszenen rund um den Oranienplatz

Lukas hat einen Sitzplatz in der ersten Reihe. Der sechsjährige Blondschopf sieht gestern Mittag aus dem Fenster seines Kinderzimmers direkt auf den Kreuzberger Oranienplatz. Ein Meer aus platt getretenen Bierdosen, Glasscherben und Müll bedeckt den Rasen: Überreste vom Konzert am Vorabend des 1. Mai, dem Rangeleien mit der Polizei und ein Überfall auf den Supermarkt an der Ecke gefolgt waren. «Ist das echt oder nur ein Film?», hatte Lukas seine Mutter oben am Fenster gefragt.

Echt oder Film?, das fragt sich gestern Mittag so mancher beim Anblick des Oranienplatzes. Im Sonnenschein spielen Kinder mit den leeren Bierdosen Fußball, Polizisten in Kampfuniform marschieren. Zwischen ihren Mannschaftswagen sind bunte Würstchenbuden aufgebaut. Einige Punks tummeln sich auf dem Platz, trinken Bier, warten auf die Kundgebung um 13 Uhr und die Demo am Abend. Und auf der Terrasse des Cafés «Kuchenkaiser» sitzen Anwohner und Touristen, trinken Milchkaffee und betrachten den Platz, als würden sie nur darauf warten, dass Demonstranten und Krawalltouristen die Bühne betreten.

Die Ruhe vor dem Sturm, vermutet die Mutter des kleinen Lukas. Sie hat genug vom 1. Mai in Kreuzberg: «Diese Gewalt sollen meine Kinder nicht mehr miterleben.» Andrea Hawkins, gebürtige Engländerin, lebt seit zwölf Jahren mit Ehemann, Sohn und der zweijährigen Tochter Emely in Kreuzberg. Im vergangenen Jahr hatten Demonstranten den Hausflur der Hawkins' belagert und die Familie kaum zurück in die eigene Wohnung gelassen.

Alles halb so wild, glaubt Dominic D. Der 39-jährige Arzt wohnt gegenüber der Hawkins' auch direkt am Oranienplatz. Zwar hat auch er seine Ehefrau und das Kind gestern nach Grunewald zu Bekannten «ausquartiert» - man müsse sie ja nicht mutwillig der Gewalt aussetzen - aber er selbst will abends demonstrieren. Mittags bepinselt er mit Freunden im Hof Transparente für die Demonstration: «Sozialismus sofort», steht darauf.

«Klar ist es schade, dass immer mehr Krawalltouristen mitziehen», sagt er. Die politischen Inhalte seien wohl inzwischen ein wenig in den Hintergrund geraten. «Ich persönlich demonstriere, weil ich mich von den Gewerkschaften nicht vertreten fühle und es viel zu kritisieren gibt.» Was man damit erreichen könne, sei eine andere Frage.

«Auf jeden Fall haben wir einen guten Umsatz», sind sich die Gastronomen am Oranienplatz einig. «Bombastisch» sei das Geschäft am Vorabend gelaufen, sagt Andreas Matthae. Dem 33-jährigen stellvertretenden SPD-Landesvorsitzenden gehört eines der Cafés am Platz. Auch gestern ist der Laden besser besucht als sonst. Wie lange er abends geöffnet halte, wisse er noch nicht, sagte er gestern am Nachmittag. «Sobald Steine fliegen, schließen wir natürlich.»

Matthae selbst lebt seit 14 Jahren in Kreuzberg. «Inzwischen sind bei den Demos mehr Krawalltouristen als Kreuzberger», glaubt er. Und die Polizeistrategien seien auch «nicht immer gelungen», so dass die Gewalt in den letzten Jahren nicht wirklich abnahm. «Inzwischen warten ja alle geradezu gespannt darauf, dass endlich etwas passiert.»

Ein Phänomen, das sich Würstchenverkäuferin Karin Rauls «ehrlich gesagt mal live ansehen wollte». Die 47-Jährige aus Wedding ist am Mittag hinter ihrem knallroten Verkaufsstand noch frohen Mutes: «Der Umsatz ist gut und abends vor der Demonstration baue ich ja sowieso wieder ab.» Bis dahin kann sie den 1. Mai in Kreuzberg endlich mal miterleben und den möglichen Randalierern sogar Würstchen verkaufen.

Der kleine Lukas ist inzwischen von seinem Fensterplatz verschwunden, die Familie unterwegs nach Potsdam, wo sie bei Freunden übernachten will. Das immer wiederkehrende 1.-Mai-Spektakel haben sie oft genug gesehen, «das müssen wir uns nicht mehr antun», sagt Andrea Hawkins.

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