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1. Mai 2002 Sonderseite
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Quelle: Berliner Morgenpost - 2.5.2002
Die Lust am Ausnahmezustand
Es waren die schlimmsten Mai-Krawalle seit vier Jahren - eine Reportage vom Polterabend der Revolution
Von Wolfgang Büscher
Und wäre man blind, man wüsste: Hier ist Kreuzberg, das ist wieder der 1.Mai. Jeder Schritt knirscht und scheppert. Die Straßen um den Oranienplatz haben eine geschlossene Blech- und Scherbendecke. Bierdosen sind zum Platttreten da, Bierflaschen zum Zerschlagen und beide zum Schmeißen. Die guten Leute haben wieder viel geredet im Fernsehen. Von Deeskalation und Dialog. Man denke: Dem Moderator der «Abendschau» des Senders Freies Berlin ist es gelungen, seine Live-Sendung mitten aus dem Bezirk heil über die Bühne zu kriegen. Die Punks haben sogar ihren Ghetto-Blaster abgestellt, als er sie darum bat. Und der Vertreter des «Revolutionären 1.Mai», ein nicht mehr ganz junger Mann mit schütterem Pferdeschweif und stechendem Blick, hat ganz manierlich ins «Abendschau»-Mikro gesprochen: Es herrsche Krieg, und er könne für nichts garantieren.
So ist es. So kommt es. So kommt es immer. Und dann dämmert es auch schon, und der Himmel über Kreuzberg legt Noir auf und Sterne an, und die guten Leute packen ihre Mikros und ihren Dialog ein, und der heiser brüllende alte Spaß nimmt seinen Lauf. «Eineurobier! Eineurobier!» Die stämmigen Türken, die die Dosen palettenweise vom Asphalt weg verkaufen, sehen nicht, warum ihr Glaube sie hindern sollte, die alkoholische Gärung der Lage selbst in die Hand zu nehmen. Eine Palette türkisches Efesbier, eine Palette Berliner. «Sch...teuer, ein Euro», mault ein schmächtiger Kerl ganz in Schwarz. «F... dich», versetzt der Verkäufer, «da vorn kostet zwei Euro». Da vorn ist, wo die Musik spielt. Eine grottige Band schrammelt für die Revolution. «Jetzt los!», schreit der Sänger. «Jetzt alle! Ruf die Polizei, ruf die Polizei!» Der Hang der Kreuzberger Szene zum Kostümfest, zum Trödel, zur heroischen Nostalgie ist einzig und unübertroffen. Dieser kauernde Junge dort mit der Kapuze über dem schönen, bleichen Gesicht - ist er nicht ein Komparse in einem Mittelalterfilm mit Mönchen und Knappen? Überhaupt diese Lust am Rohen, am Ausnahmezustand, am Hinknallen der Flaschen. Es ist erst der Polterabend, das richtige Fest kommt noch.
Die Nazis, ein ganz wichtiger Punkt. Ohne die fehlte was. Gegen die Nazis zu sein, die auch an diesem 1.Mai demonstrieren, gibt der eigenen Sache jene heroische Aura, nach der ein junger Krieger sich so sehr verzehrt - und sei es ein Krieger für einen Tag, der übermorgen wieder im Seminar sitzt oder in der Kanzlei. Und was wäre das Kapuzenshirt dort ohne die Nazis und den gut gestylten Aufdruck «destroy fascism» - das ist der Chic, das ist der Gucci der Revolution. Gäbe es sie nicht, die Berlin-Werbung müsste ein paar Nazis casten.
Einen Menschen kostet dieser Polterabend der Revolution beinahe das Leben. Der Oranienplatz leert sich schon, die Parole «Boxi» läuft um, nichts mehr los hier, es geht weiter zum großen Maifeuer auf dem Boxhagener Platz am andern Ufer der Spree. In Friedrichshain. Als sei halb Berlin auf Schnitzeljagd, ziehen Pulks junger Leute durch die Stadt, zu Fuß, mit der U-Bahn, um festzustellen: Das Feuer auf dem «Boxi» fällt aus, der Platz ist von Polizei aus Nordrhein-Westfalen gesperrt. «Mauerpark» heißt nun die Parole. An die 10 000 sammeln sich dort um etliche große Feuer, und wer genug Mut oder genug getrunken hat, springt drüber. Der Funke fliegt schnell in dieser Nacht, so schnell wie die Bierflaschen. Eine trifft eine 18-Jährige aus Charlottenburg lebensgefährlich. Sie muss - und kann, gottlob - an Ort und Stelle reanimiert werden und ist am andern Morgen außer Lebensgefahr. Aber so weit sind wir noch nicht. Das Konzert auf dem Oranienplatz endet, da erst geht der Tanz los. Die Metalljalousie vom Supermarkt hochgehauen, die Glastür splittert - Plündern frei. Eine 200-köpfige Meute schnappt sich, was nahe liegt, und schleppt es fort, immer unter dem Schild hindurch: «Ladendiebstahl lohnt sich nicht.» Ladendiebstahl ist Kinderkram, die Revolution ist ein Raubüberfall. Sechserpacks, Zigaretten, Kiwis, Avocados, Waschmittel - Spee, die alte Ostmarke. Polizei greift ein, Steine hageln, am Ende dieser Nacht werden über 80 Polizisten verletzt sein. Im Plus-Markt vom Oranienplatz steht nun die wüste Melancholie eines Tatorts. Die Auslagen verwüstet, der Boden unter Wasser, Obst und Steine liegen darin, und die Spurensicherung ist mit Pinsel und Latexhandschuhen zugange.
Zivilisation ist zäh wie die Natur. Kreuzberg zieht, kaum dass der Sturm vorbei ist, wieder die Rollläden hoch, wie abends um sechs nach dem Krieg. Nur dass es jetzt zwölf ist. Null Uhr. Diese kleine Stunde null gehört zu Kreuzberg wie der kleine, auf Dauer gestellte Krieg. Und der Wirt vom «Elefanten» am Heinrichplatz sammelt wieder die platt getrampelten Bierdosen vor seiner Kneipe auf, eine halb rührende, halb wütende Geste, welche die vorübertrottenden Schwarzkittel halb amüsiert, aber auch irgendwie peinlich berührt, wie ertappte dumme Jungen. Drinnen an der Theke sitzt eine Kreuzbergerin aus dem Saarland und sagt: «Meinem Sohn haben sie das Messer an die Kehle gehalten, sie wollten sein Fahrrad.» Und dann: «Kreuzberg ist eine Gratwanderung.» Und dann sagt sie, sie liebe ihren Bezirk. Er sei ihre Heimat.
«Wir haben viel zu viel Blut gesehen. Zu viel Gewalt. Während wir Berliner heute den 1.Mai feiern, trauert Erfurt um seine Toten. Ich wende mich heute an Sie, liebe Mitbürger, und rufe Sie auf: Sagen wir Nein - mit aller Leidenschaft und aller Vernunft, die in dieser großartigen Stadt stecken. Es kann nicht wahr sein, dass Jahr für Jahr eine Truppe Amok läuft und mit der sturen Monotonie eines Uhrwerks den eigenen Stadtteil anzündet. Und wir uns ducken und denken: Puuh. Wieder mal überstanden. Wenigstens keine Toten. Schluss damit. Es reicht. Berlin gehört den Berlinern.» Das ungefähr wäre die Rede, die ein mutiger Bürgermeister am andern Morgen an seine Stadt gehalten hätte. Sie wurde nicht gehalten. Natürlich nicht. Genau das ist das Problem von Berlin.
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030 - 275 60 756 Antifa-Infotelefon der AAB
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