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Stressfaktor - Berliner Terminkalender für linke Subkultur und Politik

Texte zum 1. Mai 2002
Auf dieser Seite findet Ihr die Texte, die im Vorfeld zum 1. Mai (hauptsächlich zu Berlin) erschienen sind.
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1. Mai 2002

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Text: sven glückspilz
Quelle: indymedia - 2.5.2002

1. mai in berlin

ein paar eindrücke vom 1.mai in berlin. vieles war gut, vieles verlief besser als erwartet, aber natürlich nicht alles.

wer die indymedia-postings liest, muß ja glauben, berlin sei am 1.mai das reine sodom und gomorrha der linken. fragt sich nur, was für leute da immer fleißig am posten sind: die meisten (dieser wenigen??) scheinen vor allem zu den ereignissen hinzugehen, um hinterher darüber abzukotzen. eine etwas seltsame art des sensationstourismus. oder sie schreiben darüber, ohne etwas davon gesehen zu haben, wissen aber ganz genau, wer was wann warum gemacht hat. finde ich auch nicht viel besser.

die walpurgisnacht: am oranienplatz in kreuzberg gab es wie angekündigt das open-air-konzert mit ex-department, fettes brot und goldenen zitronen. wohlgemerkt, ein konzert - wenn auch mit eindeutig linkem gehalt -, nicht ein bildungsseminar. dabei wird gemeinhin den drogen zugesprochen, wie bekannt ist. dass leute sich besaufen, ist weder was besonderes noch eine politische botschaft (es sei denn wir wollten das recht auf rausch aufnehmen in die zentralen forderungskataloge). das anschließende geplänkel mit öffnung eines supermarktes war nicht nötig, aber auch nicht tragisch, interessierte aber auch nicht so sehr viele der noch verbliebenen anwesenden. es war weder eine gezielte revolutionäre aktion noch eine hooligan-aktion, sondern nicht mehr und nicht weniger als eben eine supermarkt-plünderung, die ja ruhig ab und zu mal vorkommen kann. die meisten schauten aus sicherer entfernung zu.

nicht viel anders war es später in prenzlauer berg am mauerpark. sehr viel alk, überhaupt keine politik (wieso auch? es ging ja auch nur um trinken, musik, feuer etc.). ne menge typen, die sich irre stark fanden. die pöbelten erst irgendwelche leute an, bevor sie sich aufrafften, zusammen mit den eher linksorientierten, zumindest aber bullenfeindlichen anwesenden gegen ebendiese bullen loszulegen. dass die bullen unbedingt das feuer löschen wollten, war allerdings auch nicht gerade eine deeskalations-maßnahme.

also auch hier: die revolution fand nicht statt. das hatte aber auch niemand behauptet oder gefordert.

der 1.mai: natürlich habe ich vieles, vieles nicht gesehen, etwa die nazi- und anti-nazi-demo in hohenschönhausen, und einiges festliche in kreuzberg und prenzlauer berg. es gab nachmittags die dogmaten-demo mit ca.4000 leuten (davon vermutlich wie immer die hälfte neugierige bzw. verwirrte, die nicht informiert waren über die demos und einfach irgendwo mitliefen). bis zur dämmerung haute das deeskalationskonzept der polizei weitgehend hin, sie hielt sich zurück, war aber deutlich sichtbar mit fetten kräften in der nähe. trotzdem war klar, daß es abends krachen würde. im kiez war nichtsdestotrotz lange zeit eine volksfeststimmung.

die revolutionäre demo am rosa-luxemburg-platz: letztlich waren es etwa 10.000-12.000 leute, die dort mitliefen. wie leider meistens bei großen linken demos hatten der großteil der leute außer sich selbst nicht viel mitbgebracht: kaum transparente, parolen, kreative ideen. die meisten delegieren ihre politische aussage offenbar an den lautsprecherwagen oder die reine existenz der demo an sich. der lauti soll nun dafür sorgen, daß mächtig politische inhalte rüberkommen, außerdem dauernd coole musik läuft und alles kämpferisch, unterhaltsam und intellektuell voll auf der höhe ist. gleichzeitig sind es - wie jedes jahr - nur ein paar gruppen, die die demo verantwortlich vorbereiten und das alles leisten sollen, neben den ganzen nötigen technics, von denen drumrum kaum jemand was mitkriegt. eigentlich bräuchte eine demo dieser größe drei oder vier lautis, massenhaft gruppen, die theater und musik machen, leute die parolen ausdenken, flugis verteilen, plakatieren am rande und so weiter. vielleicht nächstes jahr!? trotzdem fand ich die demo gut, denn sie war entgegen der ganzen vorfeld-streits innerhalb der linken riesig, mit guter stimmung und einer klaren politischen aussage: gegen die deutsche kriegspolitik, gegen die umverteilung von unten nach oben, gegen kapitalismus und sozialpartnerschaft. ich fand es auch gut, daß die demo geschlossen und friedlich(!) (ja, das sage ich, ein militanter!) nach kreuzberg ging. lediglich bei der bankgesellschaft am alex hätte es ruhig etwas scheppern können... militanz ist schließlich kein selbstzweck, sondern soll ein politischer ziel anvisieren. gut fand ich auch, daß endlich einmal der global action day auch am berliner 1.mai zur kenntnis genommen wurde in form der live-schaltungen nach buenos aires, bogota, san francisco, paris und milano. schade nur, daß das außer den ersten paar tausend hinter dem lauti kaum jemand mitbekommen haben dürfte...

schließlich das ende: die bullen haben aus schwer nachvollziehbaren gründen ihren schluß-kessel unbedingt am unübersichtlichen michaelkirchplatz haben wollen. da waren sie extrem aufgefahren mit wasserwerfern, mehreren hundertschaften und so weiter und ließen den zehntausend anströmenden menschen praktisch nur eine kleine straße als ausweg nach kreuzberg. jaja, ich weiß, jetzt kommen wieder die alten verschwörungstheoretiker und erzählen, die bullen hätten den krawall ja gewollt (und vielleicht haben sie es gemacht, weil sie es an diesem platz noch nie geübt hatten?). halte ich alles für unsinn. ich glaube, die wußten selbst nicht richtig, warum sie die demo letztlich näher an den kiez rangeführt haben, um dann trotzdem für soviel druck im kessel zu sorgen, daß es knallt. wie wäre es mit: einsatzleiter überlastet? vielleicht gibt es ja in den nächsten tagen noch aufschlußreiche erkenntnisse dazu. ich finde es jedenfalls wichtig, daß demo und randale eindeutig getrennt waren und die eskalation am ende der demo zu 80% auf das konto der bullen ging. wer jetzt wieder behauptet, die politischen inhalte seien in der "gewaltwolke" untergegangen, kann das jedenfalls nicht den demos anlasten. wäre schön, wenn die militanz-debatte und die demo-debatte getrennt diskutiert werden könnten.

soviel aus meinem kleinen tagebuch...

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