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Stressfaktor - Berliner Terminkalender für linke Subkultur und Politik

Texte zum 1. Mai 2002
Auf dieser Seite findet Ihr die Texte, die im Vorfeld zum 1. Mai (hauptsächlich zu Berlin) erschienen sind.
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1. Mai 2002

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Quelle: Antifaschistische Aktion Berlin - 9.5.2002

After mayday - same procedure as every year?

Eine erste Nachbereitung der Antifaschistischen Aktion Berlin zum 1. Mai

Der erste Mai ist vorbei und wir möchten als mitvorbereitende Gruppe eine erste, vielleicht nicht abschließende Einschätzung geben. Wir haben uns an den Kundgebungen gegen den Naziaufmarsch und an der 1.Mai-Demo ab 18.00 Rosa-Luxemburg-Platz beteiligt und das Konzert am 30.4. auf dem O-Platz gestaltet. Der Bericht bzw. die Einschätzung zu den Anti-Nazi-Aktivitäten folgt in den nächsten Tagen.

Zur Demovorbereitung

Für uns stand in diesem Jahr mit dem Vorbereitungsbündnis der Versuch im Vordergrund, die revolutionäre 1.Mai-Demo in Mitte, vorbei am Auswärtigen Amt - um die Kritik an deutscher Kriegsbeteiligung zu artikulieren - und der Friedrichstraße, durchzuführen. Den Versuch, durch die Friedrichstraße zu laufen, gab es bereits vor zwei Jahren von der (damals gemeinsamen) Demovorbereitung. Wie damals ist es uns nicht gelungen durch öffentlichen Druck dieses Teilverbot vom Tisch zu bekommen. Dabei hatten wir die Ausgangsbedingungen dafür in diesem Jahr vor dem Hintergrund eines neuen Innensenates und den Initiativen des Personenbündnisses für besser eingeschätzt als die Jahre zuvor. Die uns letztlich genehmigte Strecke über den Alex und Jannowitzbrücke war zwar schon mit Hilfe öffentlichen Drucks "abgerungen" – ein wirklicher Erfolg war dies nicht. Zumindest partiell ist dies dem Engagement des Personenbündnisses zu verdanken, die u.a. durch die Diskussionsveranstaltung auf dem Rosa-Luxemburg-Platz die Genemigung des Auftaktortes unterstützt haben. Mit der Verlegung des Auftaktortes zum Rosa-Luxemburg-Platz 10 Tage vor dem 1. Mai wollten wir, neben dem Entfliehen aus der Kreuzberger Enge, vor allem die öffentliche Diskussion um das faktische Demoverbot für den Bezirk Mitte und damit auch die Gründe, dorthin zu gehen, noch mal thematisieren. Auch dies ist nur begrenzt gelungen. "Kreuzberg, Friedrichshain und Neukölln, andere Bezirke gibt’s sowieso nicht" so die Ansage der Polizeiführung im Vorfeld; ein bischen woanders waren wir ja dann doch und da lassen wir auch nicht locker (wir kommen da schon noch hin-;).

Zur Demo selbst

Zum Anfang ...waren wir selbst überrascht und erfreut, dass so viele Leute gekommen waren, trotz der kurzen Zeit der Ummobilisierung! Um die 12.000 würden wir schätzen. Sorry für die Verzögerungen bei der Auftaktkundgebung (es wird auch bei uns jedes Jahr bemängelt, dass es einfach viel zu lange dauert, det lernen wir noch). Redebeiträge wurden beim Auftakt und während der Demo gehalten von felS, AAB, Jutta Dittfurth, BGR Leipzig, Autopool, der Antifa (M) und der Roten Antifa Reinickendorf. Livetelefonate und Berichte haben stattgefunden mit Leuten bei 1.Mai Aktivitäten in Paris, London, San Franciso, Buenos Aires und Bogotá. Die Stimmung war um den Lauti herum und auch vorne bis zum Ende gut, in anderen Teilen zeitweise langweilig – man hat nichts mitbekommen.

Statt zum Oranienplatz, der als Abschlußkundgebungsort angemeldet war, ließ uns die Polizei dann jedoch nur zum Michael-Kirch-Platz laufen. Die Demospitze stand an der Köpenicker Straße und das Demoende war hinter der Jannowitzbrücke als dem Anmelder mitgeteilt wurde, dass die ab hier weiter angemeldete Route verboten wird. In den Seitenstraßen der Brückenstraße standen Räumpanzer mit Gittern, auf der gesamten Demostrecke in Sichtweise Wasserwerfer und Einsatzhundertschaften. Soviel zum Deeskalationskonzept der Polizei. Das Vorbereitungsbündnis hat in dieser Situation entschieden und wir finden die Entscheidung auch weiterhin richtig, den einzigen noch offenen Weg hin zum Michael-Kirch-Platz zu nehmen, statt die Demo zu beenden, während noch die Hälfte auf der anderen Flußseite hinter der Jannowitzbrücke gehangen hätte. Wichtig war uns, zumindest so nah wie möglich Richtung Kreuzberg zu kommen.

Zum politischen Ausdruck:

Nur ein Lautsprecherwagen, auch wenn er laut ist, ist zu wenig für eine Demo dieser Größe. Das war ein Fehler der Vorbereitung. Insgesamt kann die Demo allerdings nur so politisch sein, wie die Leute sie machen, die hingehen. Wenn alle, die seit Jahren nach dem 1. Mai meckern aber offensichtlich doch immer wieder kommen und gucken, auch nur ein Fähnchen mitbringen oder eine kleine Parole rufen würden, würde sich das Ritual-Gemecker über die mangelnde politische Aussagekraft der Demo vielleicht ein bißchen relativieren.

Nichtsdestotrotz wird die 1. Maidemo keine autonome Demo "wie früher" mehr werden – ganz einfach aus dem Grund, dass es diese Bewegung in der Form nicht mehr gibt.

Wir finden es weiterhin richtig, den 1. Mai in dem Sinne linksradikal zu nutzen, als dass wir ihn zum Anlass nehmen, grundsätzliche Kritik an den bestehenden Verhältnissen zu artikulieren. Dies geht nur in bestimmten Formen, beispielsweise in Aufrufen , über die allerdings innerhalb der "Politszene" wesentlich weniger diskutiert wird als über kleine Autos. Wir möchten zweitens den 1. Mai mit seiner Ausstrahlung als links konnotiertes Kulturevent weit über die Tellergrenzen der linken Szene hinaus als eine Möglichkeit nutzen, weitere Kreise mindestens mal in den Dunstkreis von linker Widerständigkeit zu bringen. Es ist schlicht arrogant zu behaupten, dass den 10.000 Leuten, die zur Demo und zum Konzert kommen, der Anlass egal sei oder sie nichts im Hirn hätten außer Gewaltgeilheit.

Die öffentliche Wahrnehmung gesellschaftlicher Verhältnisse ist zunehmend entpolitisiert, Codes, die lange eindeutig links besetzt waren, sind dies so nicht mehr – aber diesen gesellschaftlichen Entwicklungen und Bedingungen muss sich die ganze radikale Linke mit ihren Analysen und Politikformen stellen! Auf die Möglichkeiten des Ansprechens (sub)kultureller Kreise zu verzichten zugunsten eines Wohlfühlens in alt bekannten autonomen Normen, die jegliche gesellschaftliche Sprengkraft verloren haben, ist ein Verzicht auf das Ausprobieren der wenigen Interventionsmöglichkeiten die wir haben. Eine Erfolgsgarantie gibt es dabei nicht - schade ist, dass so wenige überzeugte radikale Linke diese Möglichkeiten nutzen, um ihre Ideen unter die Leute zu bringen.

In diesem Sinne: Linksradikale Politik gestalten - Vorwärts immer...!
Das Konzert war super und hat uns großen Spaß gemacht!
Last but not least haben wir nun mehrere tausend Euro Minus und nichts gegen ein bisjen Umverteilung -;)
See you, nicht erst im nächsten Jahr, macht verrückt was euch verrückt macht – Kapitalismus abschaffen!

Infotelefone

Aktuelle Infos zum Naziaufmarsch in Berlin gibt es unter folgenden Telefonnummern:

0177 - 477 03 86
030 - 44 34 1001

Infotelefone der unabhängigen Antifa

030 - 275 60 756
Antifa-Infotelefon der AAB

EA Berlin

Tel. 030 - 69 222 22
Meldet Euch beim Ermittlungsausschuss, wenn Ihr verhaftet wurdet oder Verhaftungen mitbekommen habt. Der EA ist vom 30.4. bis zum 2.5. erreichbar.

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