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Quelle: Berliner Zeitung - 5.5.2001
Professor Narr zeigt Polizisten an
Demobeobachter wehrt sich gegen Festnahme am 1. Mai
Julia Haak
Wolf Dieter Narr ist dieser Tage ausgesprochen guter Dinge. Und das, obwohl er am 1. Mai in Kreuzberg als einer von 616 Demonstranten von der Polizei festgenommen worden ist. "Dass es mich betroffen hat, ist einfach wunderbar", sagt Narr, "jetzt weiß ich, wie es einem bei einer solchen Festnahme ergeht." Wolf Dieter Narr ist Professor an der Freien Universität und Demonstrationsbeobachter für das Kölner Komitee für Grundrechte und Demokratie.
Als Beobachter dokumentiert Narr seit 20 Jahren Polizeieinsätze. Einige Male ist der 64-Jährige wegen politischer Aktionen vor Gericht gelandet. Aber jetzt will er den Spieß umdrehen und die Staatsgewalt verklagen. Dafür, dass ihn die Polizei ohne Begründung stundenlang festhielt, auf Schadenersatz für den Verlust von Brille und Hörgerät und auf Herausgabe seiner Daten. Wie alle Festgenommenen war Narr fotografiert worden, musste einen Alkoholtest machen und seine Personalien angeben. Narr hatte sich am 1. Mai nach 16 Uhr an der Kreuzung Oranien- und Adalbertstraße aufgehalten. "Gegen 16.30 Uhr sah ich, wie Polizisten einen Jungen am Hals über den Platz zogen und bin auf sie zugelaufen. Da packten sie mich und steckten mich in einen Polizeiwagen. Dann sind wir zum Moritzplatz gefahren. Dort blieben wir zwei Stunden. Niemand hat mir verraten, warum." Im Landeskriminalamt habe man ihn in eine Einzelzelle gesteckt. "Ohne Schnürsenkel und Gürtel - im eigenen Interesse, wie es hieß. Suizidale Gedanken könnte man nach dieser Behandlung in der Tat bekommen", sagt Narr. Er hält den Vorgang für absurd. Nach fünfeinhalb Stunden stand er wieder auf der Straße, "als ob nichts gewesen wäre".
Vorbeugende Festnahmen
Ob eine Anzeige nachkommen wird, kann die Polizei wegen der vielen Festnahmen zurzeit nicht sagen. Nach dem Allgemeinen Sicherheits- und Ordnungsgesetz sind vorbeugende Festnahmen möglich, um Straftaten zu verhindern.
So wie Narr sei es am 1. Mai vielen Menschen gegangen, sagt Olaf Griebenow von der Arbeitsgemeinschaft gegen Polizeigewalt, eine Vereinigung von Juristen. Wie Narr ist er nach dem Auswerten der Beobachtungsprotokolle der Auffassung, dass die Gewalt am 1. Mai von der Polizei ausgegangen sei. Am Vormittag sei die Polizei zurückhaltend vorgegangen, nach 16 Uhr sei alles als geplanter Verstoß gegen das Demonstrationsverbot in Kreuzberg gewertet worden - auch der bloße Aufenthalt auf der Oranienstraße.
Mit dem 1. Mai wird sich auch der Bundestag befassen. Dabei soll nach Meinung des innenpolitischen Sprechers der SPD Dieter Wiefelspütz überlegt werden, wie die "ritualisierten Gewaltexzesse" beendet werden können.
Unterdessen veröffentlicht die Polizei Fotos von mutmaßlichen Straftätern. Sie hätten Steine auf Polizisten geworfen und schwerste Verletzungen der Beamten in Kauf genommen, sagte ein Sprecher. Die Fotos waren nach Videoaufnahmen des Polizeieinsatzes am Mariannenplatz angefertigt worden. Die Veröffentlichung erfolgt auf richterlichen Beschluss. Die Polizei hofft auf Hinweise, um die Personen auf den Fotos namhaft zu machen.
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